Gewerkschaften unter Druck AfD bei Arbeitern vorn, in den Betrieben bleibt IG Metall stark

Die AfD erhält unter Arbeitern und Gewerkschaftsmitgliedern wachsende Zustimmung. Die IG Metall verweist auf stabile Ergebnisse bei den Betriebsratswahlen. Forscher versuchen herauszufinden, was Arbeitnehmer an der Partei so anziehend finden.

Arbeiter wählen häufig die AfD. - © nmann77/stock.adobe.com

Bei der Bundestagswahl 2025 wählten laut Nachwahlbefragungen von Infratest Dimap 38 Prozent der Arbeiter die AfD – mehr als jede andere Partei. Arbeiter und Arbeitslose sind damit die einzigen großen Berufsgruppen, in denen die AfD auf Platz eins liegt. Angestellte, Selbstständige und Rentner stimmten mehrheitlich für die Union.

Auch unter Gewerkschaftsmitgliedern schneidet die Partei überdurchschnittlich ab: Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg erreichte die AfD laut veröffentlichten Wahlanalysen unter Gewerkschaftsmitgliedern 24 Prozent, bei einem Landesergebnis von 18,8 Prozent. In Rheinland-Pfalz lag der Wert bei 23 Prozent, das Landesergebnis bei 19,5 Prozent. In beiden Ländern war die AfD unter Gewerkschaftsmitgliedern jeweils zweitstärkste Kraft.

AfD sieht Gewerkschaftsspitze von Basis entfremdet

Der gewerkschaftspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Hans-Jürgen Goßner (Göppingen), wertet die Wahlergebnisse als Beleg für eine wachsende Kluft zwischen Gewerkschaftsführungen und Mitgliedern. "Die Gewerkschaftsspitzen sprechen politisch immer weniger für ihre eigene Basis", erklärte Goßner. Während Funktionäre seit Jahren pauschal gegen die AfD mobilisierten, wählten viele Mitglieder "längst anders als ihre Verbandsoberen es gerne hätten". Die Zahlen widerlegten "das Zerrbild, das die Gewerkschaftsfunktionäre seit Jahren verbreiten".

Goßner fordert, Gewerkschaften sollten sich "wieder auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren: die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten und nicht politische Erziehungsarbeit gegen missliebige Parteien zu betreiben". Die AfD-Bundestagsfraktion sieht sich laut eigener Darstellung in ihrer gewerkschaftspolitischen Arbeit bestätigt. Arbeitnehmer erwarteten von Gewerkschaften sichere Arbeitsplätze, anständige Löhne, bezahlbare Energie und Schutz vor Deindustrialisierung. Stattdessen hätten sich viele Gewerkschaftsspitzen "zunehmend als parteipolitische Vorfeldorganisation linker Milieus verstanden".

IG Metall widerspricht

Die IG Metall weist diese Darstellung zurück. Christiane Benner, Erste Vorsitzende der auch im Handwerk einflussreichen Gewerkschaft, erklärte gegenüber der Deutschen Handwerks Zeitung: "Im medialen Diskurs wurde der Fokus bei den Betriebsratswahlen zu oft auf das Thema rechter oder alternativer Listen gelegt." Die bisherige Bilanz der seit 1. März laufenden Wahlen sei positiv: Bis zum 17. März gingen laut IG Metall von rund 2.900 vergebenen Mandaten etwa 2.300 an die Gewerkschaft – ein Anteil von fast 80 Prozent.

"In schwierigen Zeiten, in denen viele Betriebe wirtschaftlich vor Herausforderungen stehen und den Belegschaften viel zumuten, haben die Kolleginnen und Kollegen der IG Metall ihr Vertrauen ausgesprochen", so Benner. Bei Volkswagen erreichte die IG Metall über alle Standorte 85 Prozent, bei Audi über 83 Prozent. Im VW-Elektroautowerk Zwickau, wo laut Benner "in Teilen der Presse schon vom rechten Umsturz fantasiert wurde", holte die IG Metall 29 von 35 Mandaten. "Von einem Rechtsruck kann in den Betrieben keine Rede sein", erklärte Benner.

Dass an einigen Stellen rechte oder alternative Listen Stimmen geholt hätten, sei "nicht ungewöhnlich", "zwar bedauerlich", aber "kein Weltuntergang". "Unser Mandat ist nach wie vor stark, unsere Kraft ungebrochen." Die Betriebsratswahlen laufen noch bis Ende Mai. "Wir werden jetzt nicht nachlassen", kündigte die IG-Metall-Vorsitzende an.

Alternative Liste "Zentrum" legt zu

Konkret verweist die AfD auf die Betriebsratswahlen bei Mercedes-Benz. Im Werk Stuttgart-Untertürkheim erreichte die Gewerkschaftsliste "Zentrum" 21 Prozent der Stimmen und stellt künftig neun der 43 Betriebsratsmitglieder. "Zentrum" sieht sich als "alternative Gewerkschaft" für Beschäftigte vor allem der Autoindustrie und grenzt sich von den DGB-Gewerkschaften ab. AfD-Sprecher Goßner bezeichnete das Ergebnis als "Warnsignal für die etablierten Gewerkschaften". Die Automobilarbeiter ließen sich "nicht länger von einer IG Metall vertreten, die den Abbau heimischer Arbeitsplätze und die ideologiegetriebene Transformation mitträgt", so Goßner. Benner hielt dem entgegen, die IG Metall wolle "immer mit unseren Inhalten und unseren Betriebsrätinnen und Betriebsräten überzeugen".

Für Handwerksbetriebe, die als Zulieferer oder Dienstleister eng mit der Automobilindustrie verflochten sind, ist diese Debatte unmittelbar relevant: Ob Kfz-Techniker, Metallbauer oder Elektrotechniker – viele Handwerksberufe hängen direkt an der industriellen Wertschöpfungskette.

Studien zeichnen differenziertes Bild

Die Frage, warum die AfD gerade unter Arbeitern stark abschneidet, ist Gegenstand mehrerer wissenschaftlicher Untersuchungen. Analysen des gewerkschaftsnahen WSI (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut) kommen zu dem Ergebnis, dass Beschäftigte, die zur AfD tendieren, deutlich häufiger von als unfair erlebter Entlohnung, mangelnder Anerkennung im Betrieb und schlechteren Arbeitsbedingungen berichten. Viele empfänden sich als "Leistungsträger ohne Gegenleistung": Sie arbeiteten Vollzeit, empfänden jedoch, dass sozialstaatliche Transfers oder Zuwanderung zu ihren Lasten gingen.

Regionale Schwerpunkte liegen laut Studien der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in strukturschwachen Räumen mit schrumpfender Industrie, einer hohen Pendlerquote und begrenzten Aufstiegsperspektiven – auch im Westen. Migrationspolitik ist laut den Untersuchungen der stärkste einzelne Treiber: Begrenzung von Zuwanderung rangiert in allen Befragungen oben, ökonomische Unzufriedenheit verstärkt die Offenheit für derartige Positionen.

Zugleich sieht das WSI einen Zusammenhang zwischen betrieblicher Mitbestimmung und AfD-Nähe: Beschäftigte, die sich im Betrieb politisch wirkungslos fühlen und ihren Betriebsrat als "weit weg" wahrnehmen, sind demnach deutlich offener für rechtspopulistische Parteien. Umgekehrt gelte: Je besser Lohnniveau, Mitbestimmung und subjektive Selbstwirksamkeit am Arbeitsplatz, desto geringer die AfD-Nähe.